Ländliche Milieus: Familiengenerationen und Armutstraditionen

Vera Sparschuh

Abstract


Zusammenfassung

Milieus werden im sozialwissenschaftlichen Diskurs zur Beschreibung gesellschaftlicher Lagen vertikal geordnet, und es wird grob zwischen „oberen“ und „unteren“ Milieus unterschieden. Dabei werden die „unteren“ Milieus weniger systematisch abgebildet als die „oberen“; somit figurieren oft alltagsweltliche Zuschreibungen und nicht zuletzt Vorurteile. Am Beispiel ländlicher Milieus im Nordosten der Bundesrepublik werden diese „unteren“ Milieus im Drei-Generationen- Zusammenhang untersucht. Hierbei wird an das praxeologisch begründete Milieukonzept von Ralf Bohnsack angeknüpft, indem Milieus konsequent aus Strukturidentitäten der Lebens- und Sozialisationsgeschichte rekonstruiert werden. Mit der Rekonstruktion von mehreren Familiengeschichten mit Armutserfahrungen ist es gelungen, über Generationen hinweg tradierte Orientierungsrahmen, die das Handeln der Menschen bestimmen, herauszuarbeiten. Insbesondere betrifft das den „Schicksalsrahmen“, der impliziert, dass undurchschaubare Mächte das Leben der Menschen steuern. Es kann gezeigt werden, wie dieser Rahmen als Typ in mehreren Familienfällen und geschlechtsdifferenziert auffindbar ist. Weiterhin werden Bestandteile dieses Typs unter neuen Randbedingungen in der nächsten Generation jeweils übernommen und zugleich verändert.

Schlagworte: Ländlicher Raum, ländliche Milieus, Familientraditionen, Armut, Schicksalsrahmen

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Abstract

In the social science discourse milieus are related to the description of social status: in general „higher“ and „lower“ milieus are identified. The knowledge concerning „higher“ situated milieus is still more defined than the information available on „lower“ milieus; in fact everyday assumptions or even prejudices are applied frequently when regarding those milieus. Backed by the example of several family histories including three generations who have experienced poverty in rural areas in the North-East of the Federal Republic of Germany these milieus are being scrutinized. The study is founded on Ralf Bohnsack’s milieu concept, which bases the reconstruction of milieus strongly on structural identities of the individuals’ lives and their history of socialisation. The reconstruction of several family histories reveals frames of orientation, influencing the life of people across generations. Especially a frame of orientation including a fateful attitude to life could be reconstructed, which seems to determinate the life and decisions of people via inscrutable powers. This type was discerned in various families. Considerable gender differences appeared. Moreover it can be shown how this type is adopted and transformed by the next generation.

Keywords: rural areas, rural milieus, familiy traditions, poverty, fateful framework of orientation

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Bibliographie: Sparschuh, Vera: Ländliche Milieus: Familiengenerationen und Armutstraditionen, ZQF, 2-2013, S. 243-260. https://doi.org/10.3224/zqf.v14i2.16384


Literaturhinweise