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Menschheit als Argument. Politisches Handeln angesichts existenzieller Risiken

Cord Schmelzle

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Abstract


Leseprobe

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Zusammenfassung

Dieser Beitrag zu einem Sonderheft zur Zukunft der Politischen Theorie fragt, wie sich unsere politischen Prozesse, Institutionen und Rechtfertigungsnarrative veränderten, wenn die Überzeugung zunähme, dass der Fortbestand der menschlichen Zivilisation durch absehbare und verhinderbare Risiken existenziell bedroht ist. Im Anschluss an Theorien der Versicherheitlichung entwickelt er die These, dass „Menschheitsargumente“, die politisches Handeln mit dem Verweis auf den Schutz der menschlichen Zivilisation vor existenziellen Bedrohungen rechtfertigen, über ein einzigartiges Potenzial verfügen, politische Diskurse zu entpluralisieren, die Ausweitung staatlicher Befugnisse zu autorisieren und bestehende Institutionen zu delegitimieren. Die möglichen Wirkungen und das Missbrauchspotenzial dieser Mechanismen werden anhand der politischen Beziehungen zwischen den Bürger*innen, zwischen Staat und Bürger*innen und zwischen Staaten illustriert. Es zeigt sich, dass eine Existenzialisierung der Politik durch Menschheitsargumente auf allen drei Analyseebenen zu einer Destabilisierung bestehender politischer Institutionen führen kann – unabhängig davon, ob existenzbedrohende Risiken tatsächlich eintreten. Somit ist bereits der Anschein existenzieller Risiken eine konkrete Gefahr für demokratische Gemeinwesen, der es zu begegnen gilt.

Schlüsselwörter: existenzielle Risiken, Menschheitsargumente, Versicherheitlichung, Klimawandel, Autorisierung

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Abstract

This contribution to a special issue on the future of political theory asks how our political processes, institutions, and justification narratives change if the conviction grows that the continued existence of human civilization is threatened by foreseeable and preventable risks. Drawing on theories of securitization, the paper argues that “arguments of humanity” that justify political action by referring to the protection of human civilization from existential threats have a unique potential to de-pluralize political discourses, authorize the expansion of state powers, and delegitimize existing institutions. The possible effects and the potential for abuse of these mechanisms are illustrated for political relations between citizens, between state and citizens, and between states. It is shown that an existentialization of politics through arguments of humanity has a considerable destabilizing potential for democratic political institutions on all three levels of analysis, regardless of whether the risks actually occur. Thus, even the appearance of existential risks is a concrete danger to democratic societies that has to be addressed.

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Bibliographie: Schmelzle, Cord: Menschheit als Argument. Politisches Handeln angesichts existenzieller Risiken, ZPTh – Zeitschrift für Politische Theorie, 1-2020, S. 45-58. https://doi.org/10.3224/zpth.v11i1.05


Literaturhinweise