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Mali: Abschiebungen als postkoloniale Praxis

Almamy Sylla, Susanne U. Schultz

Abstract


Zusammenfassung

Ebenso wie afrikanische Migrationen finden auch Abschiebungen größtenteils innerhalb des afrikanischen Kontinents statt. Debatten darüber sind jedoch zumeist auf den Globalen Norden gerichtet. Der Artikel analysiert die Geschichte und die Praktiken von Abschiebungen aus einer weniger eurozentrischen Perspektive. Die Kernthese ist, dass Abschiebungen aus west-, zentral- und nordafrikanischen Ländern in diesen Regionen in Form von (Massen-)Abschiebungen mit der Unabhängigkeit vieler Staaten zu einem politischen Instrument wurden. Diese „afrikanischen“ Abschiebungen dienten damit der Bestätigung der neuen staatlichen Souveränität in der Zeit der Dekolonisierung. Mali dient in diesem Beitrag als Beispiel, um diese (neue) staatliche Praxis und deren Auswirkungen zu untersuchen. Dabei hat der malische Staat selber keine Abschiebungen vorgenommen, vielmehr sind malische Staatsbürger*innen stark von innerafrikanischen Abschiebungen betroffen. Sie unterbrechen dabei die gerade für Westafrika kennzeichnende Zirkularität von Migrationen. In Mali entstanden u.a. Kontroversen über den Umgang mit den Abgeschobenen, etwa in Bezug auf ihre Wiederansiedlung und das Instrument der freiwilligen Rückkehr. Die malische Zivilgesellschaft begann in den 1990er Jahren, sich gegen unerwünschte Formen der Zwangsrückführung zu organisieren. Zugleich zog sich der Staat aus Reintegrationsmaßnahmen zurück, so dass hier die Zivilgesellschaft hauptverantwortlich wurde.

Schlagwörter: Abschiebungen, Repatriierungen, „freiwillige Rückkehr“, Mali, Libyen, Globaler Süden, postkoloniale Staaten

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Deportations as a Post-Colonial Practice. The Case of Mali

Abstract

This article attempts to “re-narrate” the history and practices of deportation from a less Eurocentric perspective. Until today, academic debates about deportations have primarily focused on the Global North, even though countries in the Global South, for example on the African continent, have implemented similar policies and discourses against non-nationals for decades. While Mali has been affected by the deportation of its nationals from France since independence, the Malian State takes an ambivalent stance towards the management of expulsions, repatriations, and deportations vis-à-vis other African, European, and international actors. In the 1990s, Malian civil society started to organise against unwanted forms of forced return. Consequently, today Malian returnees are met with very particular social, economic, and institutional regimes. This paper counters the Eurocentric discourse surrounding the deportation of Malians and, in particularly, takes into account the historicity and the importance of deportations and repatriations implemented across the African continent since the 1960s and the reactions to it up until today. The article makes the theoretical case that deportations within the African continent are particularly constitutive of the postcolonial African nation-state and society, while deportations from the Global North remain particularly “symbolically significant”.

Keywords: deportations, repatriations, „voluntary return“, Mali, Libya, Global South, postcolonial states.

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Bibliographie: Sylla, Almamy/Schultz, Susanne U.: Mali: Abschiebungen als postkoloniale Praxis, PERIPHERIE – Politik • Ökonomie • Kultur, 3-2019, S. 389-411. https://doi.org/10.3224/peripherie.v39i3.04


Literaturhinweise



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