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Neoliberalismus, Staat und Gender in der Türkei

Renate Kreile

Abstract


Zusammenfassung

Der Beitrag beleuchtet vor dem Hintergrund der historisch-strukturellen genderpolitischen Entwicklungsdynamik der modernen Türkei, wie es der Regierungspartei AKP seit ihrer Machtübernahme erfolgreich gelungen ist, ihre neoliberale Politik im Einklang mit globalen Trends durch eine politisch-strategische Begünstigung von faith-based organizations im Feld der Sozialpolitik wohlfahrtspolitisch "abzufedern" und somit ihr hegemoniales Projekt zu festigen. Dadurch werden autoritäre Patron-Klientel-Beziehungen gestärkt, die historisch und fortdauernd ein strukturelles Merkmal des politischen Kapitalismus in der Türkei bilden, und einer demokratischen staatsbürgerlichen Gleichheit entgegenstehen. Die klientelistischen Formen sozialer Sicherung sind durch ihre Begünstigung vertikaler gegenüber horizontalen Loyalitäten für patriarchale Strukturen besonders anschlussfähig. Auch ideologisch werden konservative patriarchale Geschlechternormen und -verhältnisse re-vitalisiert. Dass die AKP–Regierung dennoch breite Unterstützung unter Frauen genießt, erklärt der Beitrag damit, dass insbesondere arme Frauen, die nicht über das soziale und kulturelle Kapital verfügen, um als freie und gleiche Marktsubjekte in der neoliberalen Risikogesellschaft erfolgreich zu bestehen, ihre „alltagspraktischen Genderinteressen“ eher dadurch verwirklicht sehen, dass sie ihr moralisches Kapital innerhalb der familiären und religiösen Gemeinschaften maximieren, die Anpassung und Unterordnung einfordern mögen, aber Schutz gewähren können.

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Abstract

Considering gender policies in modern Turkey in a historical-structural perspective, the article examines how, since it came to power, the AKP (Justice and Development Party) has combined neo-liberal policy with a social policy favouring faith-based organizations in order to soften the socially adverse effects of neo-liberalism. By choosing such a strategy, the AKP could successfully consolidate its hegemonial project. In consequence authoritarian patron-client relations have been strengthened. They have historically and persistently been a structural trait of political capitalism in Turkey, in opposition to an equal democratic citizenship. Clientelistic forms of social security promote vertical rather than horizontal loyalities and thus easily connect with patriarchal structures. Likewise conservative patriarchal gender norms and gender relations have been re-vitalised. Notwithstanding, the AKP government enjoys broad support by women. This can be explained by the fact that in particular poor women, who are not equipped with the social and cultural capital to successfully meet the challenges of a neo-liberal risk-society as free and equal market players, try to realise their practical gender interests in a different way. They might prefer maximising their moral capital within the familial and religious communities where compliance and submission may be required, but protection is provided.


Literaturhinweise



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