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Öffentliche Finanzen im Stresstest – Policy-Reaktionen auf die Finanz- und Wirtschaftskrise

Uwe Wagschal, Tim Jäkel

Abstract


Zusammenfassung

Der Beitrag untersucht Umfang, Zusammensetzung und zeitliche Streuung der Konjunkturstützungsmaßnahmen in 28 OECD-Ländern im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 bis 2010. Im deskriptiven Abschnitt wird gezeigt, dass die große Variation der Nachfrageprogramme nur bedingt mit den verschiedenen Typologisierungsansätzen von Marktwirtschaften und Wohlfahrtsstaaten zusammenpasst. Auf Basis eines neuartigen Konsolidierungsindikators wird im dritten Abschnitt gezeigt, dass die Wirtschaftskrise so stark wie nie zuvor auf die Konsolidierungsbemühungen von Regierungen eingewirkt hat. Der historisch größte Verschuldungsanstieg in Friedenszeiten seit 2007 unterstreicht die Herausforderung der Wirtschafts- und Finanzkrise für die öffentlichen Finanzen. Schließlich werden im Hauptteil der Untersuchung die Determinanten der Policy-Reaktionen der Nationalstaaten auf die Krise identifiziert. Sozio-ökonomische Faktoren, wie die Bevölkerungsgröße eines Landes, die Höhe der Staatsschulden und die Einbindung in den Weltmarkt verringern die Möglichkeiten für Deficit-Spending. Es zeigt sich daneben, dass der Problemdruck nicht stimulierend auf Höhe der Programme einwirkt. Bezogen auf die parteipolitische Färbung der Regierung haben Mitteparteien (Liberale, nicht-christliche Mitte, Christdemokraten) den stärksten Effekt auf den Umfang der Konjunkturpakete; sie sind deutlich aktiver als Linksparteien an der Regierung. Zudem kann für die steuerlichen Maßnahmen ein Interaktionseffekt für rechte (v.a. konservative) Regierungsparteien beobachtet werden. Im Zusammenspiel mit Wahlen in der Krise haben auch rechte bürgerliche Regierungen große Konjunkturprogramme aufgelegt. Ein kompetitiver Vetospielerindex hat ebenfalls eine signifikante Erklärungskraft für den Umfang der steuerlichen Maßnahmen. Die empirischen Ergebnisse widersprechen damit zumindest z.T. den „traditionellen“ Befunden der Staatstätigkeitsforschung, wonach bürgerliche (und vor allem liberale) Parteien eine geringe Präferenz für Markteingriffe haben. Auch der klare Effekt von Wahlen ist angesichts der sonst schwachen Evidenz für einen politischen Konjunkturzyklus bemerkenswert. Schließlich wird in der Krise nun auch deutlich, dass die Verschuldungspolitik der Vergangenheit den Handlungsspielraum von Regierungen massiv einengt.

Schlagworte: Vergleichende Policy-Forschung, Finanz- und Wirtschaftskrise, Konjunkturpakete, öffentliche Finanzen, Budgetkonsolidierung, Vetospielertheorie

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Stress Test for Public Finance – Policy-Responses to the Financial and Economic Crisis by OECD-member states

Abstract

The paper examines variations in policy-responses to the financial and economic crisis by OECD-member states. Therefore, in a first step, the size and distribution as well as composition of fiscal packages in 28 OECD-countries are compared. Overall fiscal net effect of stimulus was larger in Non-European liberal welfare states than in social democratic and Continental European welfare states. Concerning the composition of the fiscal stimulus, there was no clear evidence of welfare-state-related patterns. The second part of the paper deals with the consequences of the financial packages for budget consolidation and public debt. Based on a newly created indicator, it is shown that the economic and financial crisis has had dramatic consequences for public finances and budget consolidation efforts throughout the OECD-world. The third part of the paper analyzes the determinants of the size of the fiscal packages, using multivariate regression analysis. We look especially at three dependent variables, the overall size of the fiscal packages, the expenditures and the tax measures. We suspect that there are different logics behind the use of a specific measure. The theoretical approaches are the different schools of public policy research, e.g. the parties-do-matter approach, institutional theories, globalization and socio-economic theory. In addition we also explore public choice arguments, especially the impact of elections. The empirical results are partly contrary to the “traditional” results of public policy research. It is found that several socio-economic factors, for instance population size, public debt and openness of economy, have reduced the scope for discretionary measures. It is noteworthy that problem pressure hasnot lead to larger fiscal packages. Concerning the impact of political parties, we find that the share of centrist parties in government has had a much larger positive impact on the size of the fiscal stimulus compared to leftist parties. Furthermore, the facing elections during the crisis right-wing governments have implemented large fiscal measures, as well. Finally, a competitive veto player-index can explain empirical variations in the use of tax measures to adress the crisis.

Keywords: Public policies, financial and economic crisis, stimulus packages, public finance, budget consolidation, veto player theory


Literaturhinweise



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