Interethnische Beziehungen im Lebenslauf. Einführung in den Schwerpunkt

Heinz Reinders

Abstract


Zusammenfassung

In den vergangenen Dekaden hat sich die sozialwissenschaftliche Forschung zunehmend dem Thema Migration zugewandt. Phasen der soziologischen und politologischen Theoriebildung in den 1950er und 1960er Jahren zum Phänomen der Migration folgten erziehungswissenschaftliche und psychologische Betrachtungen seit den 1970er Jahren. Zusätzlich zur disziplinären Ausweitung hat nicht nur die theoretische, sondern auch empirische Bearbeitung von Migration als Forschungsgegenstand rapide zugenommen. So verzeichnet die Datenbank Solis unter dem Stichwort „Migration“ und der Methode „empirisch“ für den Zeitraum von 1960 bis 2006 ca. 4.600 Einträge. Nach Jahrzehnten aufgeteilt zeigt sich ein exponentieller Zuwachs der Beiträge. So sind für den Zeitraum von 1960 bis 1970 nur 18 Einträge verzeichnet. In der nachfolgenden Dekade (1971-1980) sind es 210 und in den 1980er Jahren bereits 932. Zwischen 1991 und 2000 steigt dann die Zahl publizierter empirischer Beiträge auf 2.028 an und dürfte, wenn sich der Trend seit 2001 fortsetzt, bis zum Ende des laufenden Jahrzehnts auf ca. 2.400 Arbeiten ansteigen. Diese rein quantitative Bestimmung des Forschungsvolumens verdeutlicht, dass empirische Migrationsforschung eine erhebliche Konjunktur erfahren hat und das mittlerweile akkumulierte Wissen erheblich ist.

Gleichwohl werden Bedingungen und Folgen von Migration vornehmlich mit Blick auf Migranten untersucht. Diskriminierung, psycho-somatische Folgen von Wanderung, soziale und strukturelle Platzierung, kulturelle Werte und Gender-Fragen stellen die thematischen Schwerpunkte dar (BMFSFJ 2000; Han 2000; Gogolin/Nauck 2000; Oezelsel 1994). Erst in jüngerer Zeit gerät die Aufnahmegesellschaft, deren Institutionen und die mit Migrationsbewegungen verbundenen Herausforderungen für die Majorität in den Mittelpunkt des Interesses. Fragen fremdenfeindlicher Einstellungen als Ausdruck unzureichend erzeugter Akzeptanz bei Mitgliedern der Majorität sind in den 1990er Jahren zwar thematisiert worden, wurden jedoch nicht hinreichend an Theorien und Befunde der Migrationsforschung angedockt (Reinders, 2004a). Erst jüngere Schulforschung hat die deutlichen Defizite des Bildungssystems hinsichtlich seiner Aufwärtspermeabilität für Migrantenkinder und deren unzureichende (sprachliche) Frühförderung durch Schule skizziert (Deutsches Pisa-Konsortium 2001; Gogolin/Neumann 1997; Kristen 2000). Diese Auseinandersetzung mit den Folgen für die Mehrheitsgesellschaft ist noch eher in den Anfängen. Es steht zu erwarten, dass die bereits in den 1990er Jahren begonnene Forschung (insbesondere zu den veränderten Anforderungen an Schule durch Migration, vgl. Gogolin 1994) weiter zu intensivieren ist, um funktionale Modelle der Integration entwickeln, erproben und breitflächig praktisch anwenden zu können.

Dabei wird auch der Begriff der Integration neu zu fassen sein. Bisher gilt dieser, je nach gewähltem Standpunkt, als Synonym für Assimilation von Migranten oder aber der Orientierung von Minoritäten an der Herkunfts- und der Aufnahmegesellschaft (Berry et al. 1992). Immer aber bezieht er sich auf den Sozialisationsstatus von Migranten. Dabei wird übersehen, dass Integration im Sinne der Vereinbarkeit und individuellen Orientierung an Herkunfts- und Aufnahmekultur nicht nur eine Akkulturationsstrategie von Migranten, sondern ebenfalls eine Leistung der aufnehmenden Gesellschaft darstellt. Wenn es zutrifft, dass sich der Zuwachs an Migranten in Deutschland weiter fortsetzt und mit einer jährlichen Nettozuwanderung innerhalb der Marken von 10.000 bis 50.000 Personen zu rechnen ist (Münz/Ulrich 2000), dann ist Integration nicht mehr allein eine Frage der Anpassungsfähigkeit von Gewanderten, sondern auch eine Frage der Adaptionsleistungen der Nicht-Gewanderten.

Diese These lässt sich bereits anhand spezifischer gesellschaftlicher Segmente belegen. So übersteigt der Anteil an Migranten in einer Vielzahl von Hauptschulen in urbanen Regionen häufig 50 Prozent. In einigen, in unserer Studie einbezogenen Schulen liegt er sogar bei über 80 Prozent (Reinders/Mangold/Greb 2005). Die Eindeutigkeit von Majorität und Minorität ist dann in der alltäglichen Erfahrung der betroffenen Jugendlichen aufgehoben und erlaubt keine klaren Definitionen kulturell gültiger Normen, Werte und Symbole (wie etwa der „Verkehrssprache“). Eine solche Konstellation verlangt dann nicht nur von Migrantenkindern, trotz der ungünstigen Bedingungen das notwendige Bildungskapital zu erwerben. Dies hat auch Auswirkungen auf die Möglichkeiten zum Kapitalerwerb bei Heranwachsenden deutscher Herkunftssprache. Darüber hinaus bedarf es dann erheblicher interkultureller Kompetenzen bei deutschen Schülerinnen und Schülern, um Interaktionen mit Peers eingehen zu können (vgl. Strohmeier/Nestler/Spiel in diesem Heft). Situational angepasste Bewältigungsstrategien sind ein guter Beleg dafür, dass Jugendliche in solchen Settings vor der Anforderung der wechselseitigen Integration stehen. So hat sich unter Jugendlichen die Ausbildung eines deutsch-türkischen Ethnolekts etabliert (Auer/Dirim 2000), der die fehlende Eindeutigkeit sprachlicher Codes kompensiert. Jugendkulturelle Stile werden als Verknüpfung von Eigenheiten der Minoritäts- und Majoritätskultur entwickelt und gelebt (Weller 2003). Oder auch: Schüler entscheiden sich eigenständig dafür, Deutsch als Umgangssprache an ihrer Schule zur Regel zu machen (Die ZEIT, 06/2006).

Diese bereits jetzt beobachtbaren Phänomene beziehen sich im Wesentlichen auf die jüngere Generation, sollten aber bei gegebener weiterer Zuwanderung auch bei der älteren Generation und auch Regionen übergreifend in Erscheinung treten. Migrationsforschung ist hierauf konzeptuell noch nicht in hinreichendem Maße eingestellt (Gogolin/Pries 2004). Notwendig ist, zwei Perspektiven einzunehmen:

1. Die jetzige Generation von Kindern und Jugendlichen ist die erste Migrantengeneration, die mehrheitlich durchgängig in Deutschland aufwächst und mit höherer Wahrscheinlichkeit auch in Deutschland bleiben wird. Dies macht eine biographische Perspektive notwendig.
2. Fragen der Chancen und Risiken einer zunehmenden Migration für Migranten und Nicht-Migranten müssen stärker als wechselseitig bedingt und nicht als zwei isolierte Phänomene betrachtet werden.

Als gedankliche Anregung, um diese beiden Aspekte einbeziehen zu können, wird das Konzept der Ko-Kulturation als grob gerasterter theoretischer Rahmen vorgeschlagen. Im folgenden werden die beiden genannten Punkte knapp vor dem Hintergrund der Ko-Kulturationsidee diskutiert und die Beiträge dieses Bandes in die Argumentation eingeordnet.


Literaturhinweise



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