Open Access Freier Zugang (Open Access)  Eingeschränkter Zugriff Zugang für Abonnent/innen oder durch Zahlung einer Gebühr

Zur Hartnäckigkeit geschlechtssegregierter Ausbildungs- und Berufsverläufe. Konzeptionelle Überlegungen zu einer empirischen Untersuchung

Karin Schwiter, Nina Wehner, Andrea Maihofer, Evéline Huber

Abstract


Zusammenfassung
Wie lässt sich die Persistenz geschlechtersegregierter Ausbildungs- und Berufsverläufe erklären? Während die Mehrzahl vorliegender Forschungsarbeiten die Ursache hierfür in nur einem erklärenden Faktor sucht – entweder werden die geschlechtsspezifischen Verläufe als Ergebnis individueller Wahl, als Effekte institutionalisierter Mechanismen oder aber als Resultat von Geschlechternormen dargestellt – geht es im vorliegenden Beitrag darum, diese Faktoren als komplex miteinander verschränkt zu betrachten. Den theoretischen Rahmen dazu bildet Pierre Bourdieus Konzept des Geschlechtshabitus. Diesen begreifen wir als Inkorporierung vergeschlechtlicher Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata, die alle Individuen notwendig vollziehen müssen, um als ‚Männer‘ oder ‚Frauen‘ existieren zu können. Zudem verstehen wir die Ausbildungs- und Berufsverläufe selbst als ihrerseits vergeschlechtlichte und vergeschlechtlichende Prozesse, die dazu führen können, den eigenen Geschlechtshabitus zu verstärken bzw. sich gegen-geschlechtlich konnotierte Kompetenzen anzueignen. An einem Fallbeispiel zeigen wir exemplarisch auf, inwiefern positive Rückmeldungen eine zentrale Rolle spielen, damit junge Erwachsene auch in geschlechtsuntypischen Berufsfeldern ‚habituelle Sicherheit’ erlangen können.

Keywords: horizontale Geschlechtersegregation, berufliche Ausbildung, Arbeitsmarkt, Habitus, qualitative Analyse


Summary
How can we explain the persistent gender segregation of educational and career pathways? Most existing studies focus primarily on one explanatory factor: they frame gendered pathways either as results of individual choices, as effects of institutionalized mechanisms or as consequences of gendered societal norms. In our paper we suggest a theoretical framework that allows us to conceptualize these factors as intrinsically interwoven. In order to do that, we build on Pierre Bourdieu’s concept of the “gender habitus”. We understand “gender habitus” as incorporated gendered schemes of perception, thought and action, which have to be executed by the individual to be intelligible as man or woman. Furthermore, we analyze educational and career pathways both as gendered and as gendering processes. Depending on the specific pathways, they might lead to either an increase or a decrease in competences attributed to the respective gender. With a case example we illustrate how positive feedbacks play a key role in allowing young adults to develop ‘habitual self-confidence’ in professions that are untypical for their gender.

Keywords: horizontal sex segregation, vocational education, labour market, habitus, qualitative analysis


Literaturhinweise



Volltext: PDF